Domforum: Hat Europa gemeinsame Werte? - 23.07.08
Zum fünften Mal fand am 22.7.2007 im der Regensburger Dom die Vortragsreihe „Domforum“ statt. Diesjährige Festredner war der der ehemalige bayerische Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber, der zu mehr als 500 Gästen über das Thema „Europa - eine Wertegemeinschaft?“ referierte.
Nach dem persönlichen Empfang von Dr. Edmund Stoiber und Frau würdigte Bischof Gerhard Ludwig Müller den Referenten in seinem Grußwort als einen der erfolgreichsten Ministerpräsidenten Bayerns, den die Menschen noch lange in stolzer Erinnerung bewahren würden. Dabei hob er die Bedeutung des Veranstaltungsortes für das „Domforum“ hervor.
Das Domforum, so der Bischof, gebe Persönlichkeiten, die sich um ein gemeinsames Europa besonders verdient gemacht hätten, eine Plattform, um über ihre außerordentlichen Erfahrungen berichten zu können.
In seiner Rede betonte Dr. Edmund Stoiber, dass er den Titel seines Vortrags „Europa – eine Wertegemeinschaft?“ ganz bewusst mit einem Fragezeichen versehen habe und stellte die Frage nach gemeinsamen Werten in den Raum. Europa vereine nicht nur die geografische Lage sondern auch das gemeinsame geistige und kulturelle Erbe. Aus der jüdisch-christlichen Glaubenslehre sei ein Wertefundament entstanden, aus dem sich eine Überzeugung von Grund- und Menschenrechten entwickelt habe. Die europäische Kultur bekenne sich zur Freiheit und Nächstenliebe. Aufgabe von Politik und Kirche sei es, die Lebensbedingungen für die Menschen zu verbessern, so Dr. Stoiber.
Europa stecke zur Zeit in einer Akzeptanzkrise, viele Menschen verbänden Europa mit Schlagworten wie Fehlentwicklungen, Defizit an Demokratie, fehlende Bürgernähe und ein Mangel an Transparenz, erklärte der ehemalige bayerische Ministerpräsident. Die europäische Einigung sei für die Menschen keine Herzensangelegenheit mehr, sondern allenfalls eine Sache der Zweckmäßigkeit. Gleichzeitig stehe Europa vor der Herausforderung der Globalisierung. Wolle man diese Herausforderungen bestehen, so sei die Wertegemeinschaft Europa die einzige Antwort. Dabei sei der christliche Blickwinkel für eine menschenwürdige Gestaltung der Globalisierung unverzichtbar. Nur mit einem klaren Bekenntnis zu unseren eigenen Werten könne Europa seine eigene Position als Minderheit in der Welt auch einer Mehrheit akzeptabel machen. Unsere Wurzeln lägen unverändert in der christlich-abendländischen Tradition. Europa sei eine Wertegemeinschaft und müsse eine Wertegemeinschaft sein, betonte Dr. Stoiber.
Papst Benedikt XVI. habe im Jahr 2000 als damaliger Kardinal gesagt, „Europa braucht auch eine geistige Mitte und eine neue Annahme seiner selbst“.
„Ich verstehe die Botschaft des Papstes so, dass er uns sagen will: Auch der moderne Mensch soll in seinem Leben und in seinem Herzen Platz für Gott lassen. Wir sollen uns auch in Deutschland und Europa wieder stärker zu unseren christlichen Werten und christlichen Wurzeln bekennen und sie weitergeben an die jüngere Generation. Der Papst zeigt uns, dass das Materielle und der technische Fortschritt alleine noch zu keinem erfüllten Leben führen. Das ist keine alte Botschaft, im Gegenteil: Das ist heute wieder eine neue Botschaft. Denn vielfach war die Meinung doch: Der Materialismus ersetzt Glauben und Werte. Wir in Bayern waren hier schon immer vorsichtiger. Unsere Losung, geprägt von Strauß war: Tradition und Fortschritt miteinander verbinden“, hob Dr. Edmund Stoiber hervor.
Für die aktuellen Aufgaben der Politik bedeute dies, dass das christliche Fundament Richtschnur für Antworten und Entscheidungen sein müsse, so Stoiber. Die großen Fragen der Menschheit im 21. Jahrhundert seien daher der Kampf gegen den Hunger, der Schutz des Klimas und bezahlbare, sichere Energie, erklärte Dr. Stoiber. Dabei sei es gerade die Aufgabe einer konservativen, bewahrenden Politik, die Lebensgrundlagen, unser aller Umwelt und Schöpfung zu bewahren und intakt an die nächste Generation weiter zu geben.
Der damalige Kardinal Ratzinger habe weiter gesagt: „Diese allem politischen Handeln und Entscheiden vorangehende Gültigkeit der Menschenwürde verweist letztlich auf den Schöpfer: Nur er kann Rechte setzen, die im Wesen des Menschen gründen und für niemanden zur Disposition stehen“.
“ Diese Einsicht, so Dr. Edmund Stoiber, sei der tiefere Grund, weshalb er sich hartnäckig für die Aufnahme eines ausdrücklichen Gottesbezuges in die vertraglichen Grundlagen der Europäischen Union eingesetzt habe. Die Anerkennung der Verantwortung aller vor Gott würde die Begrenztheit staatlicher Handlungsbefugnisse verdeutlichen und wäre dadurch auch eine Absage an jede Form von Totalitarismus.
„An etwas zu glauben gibt auch die Kraft, die Probleme des Alltags und der Gegenwart mit Optimismus anzugehen. Ja zum Glauben, Ja zur Kirche: Das ist nicht nur Folklore. Das ist Modernität und Tradition. Mit dieser Einstellung kann man über den Tag hinaus die irdischen Probleme besser lösen und wird nicht gleich wankelmütig, ängstlich oder gerät in Weltuntergangsstimmung. Und – davon bin ich fest überzeugt – das ist auch die große Chance der Wertegemeinschaft Europa“, erklärte der ehemalige Ministerpräsident, Dr. Edmund Stoiber, abschließend.

Die Regensburger Domspatzen unter der Leitung von Domkapellmeister Roland Büchner umrahmten den Abend musikalisch, der mit dem gemeinsamen Gebet und der Bayernhymne schloss.
- Quelle: Bistum Regensburg
- 23.07.08 - Artikel empfehlen ...

