Jahrzehntelang wohnten sie Tür an Tür – und lebten, politisch erzwungen, dennoch aneinander vorbei: Vier Jahrzehnte lang trennte der Eiserne Vorhang die bayerischen und tschechischen Grenzregionen. Seit dem Fall des Kommunismus sind Bayern und Tschechien nun dabei, ihre jahrhunderte lange gemeinsame Geschichte des Austauschs, des Handels und der Kooperation wiederzubeleben. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wollten und wollen Ostbayern und Westböhmen ihrer gemeinsamen Zukunft in einem geeinten Europa eine neue Qualität verleihen. Was die Gebiete dabei von anderen Grenzregionen unterscheidet: Wenn es durch Richtlinien und Befindlichkeiten auf beiden Seiten auch manchmal schwierig und langwierig ist – sie wollen gemeinsam Kurs nehmen auf die Zukunft. Wirtschaft, Politik und private Initiativen arbeiten dabei Hand in Hand – auch das unterscheidet den Raum von vielen anderen Grenzregionen.
Auf politischer Ebene entstand vor neun Jahren eine Regionalkooperation zwischen den drei Regierungsbezirken Oberpfalz, Niederbayern und Pilsen auf tschechischer Seite. Jedes Jahr treffen sich die Delegationen mit den Regierungspräsidenten an der Spitze, um möglichst mit einer Stimme zu sprechen. Das Modell funktioniert. Von einer „ausgezeichneten Zusammenarbeit“ schwärmen die Oberpfälzer Präsidentin Brigitta Brunner, ihre Pilsner Amtskollegin Milada Emmerová und Niederbayerns Vize-Regierungspräsidentin Monika Weinl in der Abschlusserklärung des jüngsten Zusammentreffens in Pilsen. Sie sind sich einig: „Gemeinsame Projekte, die die Vertiefung von grenzüberschreitender Zusammenarbeit in die Wege leiten, müssen unterstützt werden.“
Auch die Wirtschaft in Ostbayern blickt seit vielen Jahren über die Grenze: Mehr als 1.000 ostbayerische Unternehmen sind bereits in Tschechien präsent – jeden Monat werden es mehr. Die Industrie- und Handelskammer in Regensburg will mit ihrem Modellprojekt „Wir sind Europa“ die praktische Vernetzung zwischen den Betrieben auf beiden Seiten der Grenze stärken. Die Zwischenbilanz nach der Halbzeit des bis 2011 laufenden Vorhabens ist positiv. „Viele Meilensteine wie eine gemeinsame Industriestandortkarte, gemeinsame Ausbildungsinitiativen und Netzwerktreffen haben wir erreicht“, sagt IHK-Projektleiter Richard Brunner.
Im Rahmen der Regionalkooperation stimmen sich zehn hochrangig besetzte Arbeitsgruppen regelmäßig zu den Themenfeldern Kultur, Landwirtschaft, Tourismus, Umwelt, Verkehr, Wirtschaft, berufliche Bildung und Schulen, Gesundheitswesen und Regionalentwicklung ab. Daraus entstehen ganz konkrete Forderungen, die sich an die Regierungen beider Länder richten. Eines der großen Themen ist die Infrastruktur: Nach der Fertigstellung der Ostbayern-Tschechien-Magistrale, der durchgängigen Autobahn 6 von Nürnberg nach Prag, steht nun die Bahnanbindung im Fokus. Die Regionalkooperation fordert einen Ausbau der Strecke von Regensburg über Schwandorf, Furth im Wald nach Pilsen und Prag sowie eine Ertüchtigung der niederbayerisch-tschechische Bayerwald-Trasse von Pilsen und Klattau über Bayerisch Eisenstein ins bayerische Plattling.
In Ostbayern wird derzeit über eine weitere Ausdehnung der Kooperationsanstrengungen debattiert. Das Ziel: Eine Europaregion Donau-Moldau im Herzen Europas, die neben den beiden ostbayerischen Regionen Oberpfalz und Niederbayern sowie Pilsen auch Südböhmen und Oberösterreich umfassen könnte. Auch hier bezieht die Regionalkooperation klar Stellung und versucht all jenen in den Grenzregionen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die fürchten, mit einer größeren Einheit könnte ihr persönlicher Einfluss schwinden. „Das Projekt der Europaregion besitzt ein großes Potenzial für Kooperationen“, heißt es in der Abschlusserklärung.
So viel europäischer Geist beeindruckte auch den tschechischen Vize-Minister bei der Regionalkooperation in Pilsen: „Ich sehe hier das erfolgreichste Modell der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in der Tschechischen Republik.“ Die Initiatoren dürfte der Rückenwind gefreut haben.
- 9.05.10 - Artikel empfehlen ...

